Ein Jahr nach der Übernahme des Großprojekts Staatstheatersanierung

„Es ist etwas Großartiges, wie hier Kultur über Jahrhunderte erlebbar gemacht wird“

Ein Gespräch mit Peter Bäuml und Stefan Sinning vom Architekturbüro HENN über tausende Dokumente, Herausforderungen, Terminschienen und den Flow von Gebäuden.

Stefan Sinning und Peter Bäuml beim Interview mit dem Modell des Staatstheaters

Was bedeutet Einarbeitung bei einem Projekt dieser Größe für Sie als Architekten?

Peter Bäuml: Das ist eine große Aufgabe, die man wirklich sehr strukturiert angehen muss und das haben wir auch getan. Als wir Bauteil 1 und Bauteil 2 übernommen haben, haben wir für das Große Haus 9000 Dokumente zur Verfügung gestellt bekommen und für die Neubauten waren es 3000. Das heißt wir müssen sie sortieren, an die jeweiligen Fachbereiche versenden, die sie dann kontrollieren und uns dann Berichte zukommen lassen.

Stefan Sinning: Zehn Jahre Geschichte sind auch einfach eine wahnsinnig lange Zeit. Da wird unheimlich viel erzeugt. Wenn Sie auf so viele Dokumente stoßen, müssen Sie auch wissen: Welches ist denn überhaupt noch aktuell? Im Projektverlauf bauen Entscheidungen immer wieder auf Entscheidungen auf und das muss sehr gut strukturiert und dokumentiert sein. Wir haben uns viel Mühe gegeben, alles in eine Struktur zu bringen, so dass man wieder eine klare, einheitliche Dokumentation hat. Wir haben auch alles in eine 4D-Planung übertragen.

Wir gründen mit vielen Fachexperten in einem großartigen Team auf sehr viel Erfahrung. Alle wurden hier zusammengeschaltet: Qualitätsmanagement, Kostenplanung, Ausschreibung – und alle haben sich ihren Teil vorgenommen, nochmal verifiziert und das Ganze dann wieder zu einem großen Ganzen zusammengefügt.

Warum haben Sie Teile der vorherigen Planung verändert?

Stefan Sinning: In der Einarbeitung haben wir uns natürlich mit dem Bauwerk auseinandergesetzt. Die Geschichte hat gezeigt, dass das Kleine Haus so eine Art „Entstehung im Laufen“ war.  Es war zuerst anders, als großer Probensaal, geplant, dann wurde es während der Planung immer größer, schließlich zum experimentellen Theater. Daher gab es noch sehr viele Zwänge, die sind uns als Erstes aufgefallen. Daran haben wir gearbeitet und sie beseitigt. Diese waren stark in den öffentlichen Bereichen, also da, wo Besucherinnen und Besucher tatsächlich hinkommen, festzustellen. In den Foyer-Zonen, wo eine gewisse Großzügigkeit herrschen soll, war stattdessen sehr viel Enge vorhanden. Auch das Bar- und Café-Konzept war nicht ganz schlüssig. Und so haben wir an diesen Strukturen gearbeitet. Dabei ist uns aufgefallen, dass die Haltung des Hauses gegenüber dem Großen Haus, das damals noch nicht unser Auftrag war, schwierig war, weil die Architektur nur das Äußere – die Fassadensprache, die Mineralität – fortgeschrieben hat. Es ist uns aber wichtig, ein Gebäude für die Zukunft zu gestalten, im Prinzip aus einem klassischen, ehemaligen Theatergebäude einen Kulturkomplex für die Zukunft zu gestalten, der als Gesamtensemble wirkt. Es gibt ja auch noch das Betriebsgebäude, unter anderem mit einem Ballettsaal und einem Chorprobensaal. Auch diese werden später einmal öffentlich zugänglich. Wir wollten ein Arrangement schaffen, das 24/7, die ganze Woche über offen ist, das Menschen einlädt, neugierig macht, keine Schwellenängste zulässt und offen ist für alle.

Daher haben wir uns auch an eine neue Fassade herangewagt. Wir wollen dem bisherigen Bestand ein Gebäude gegenübersetzen, das eine neue Sprache spricht. Welches das Haus zwar fortschreibt und auch die Materialität des Natursteins, der am Großen Haus schon vorhanden ist, wieder aufnimmt, dessen Fassade aber abstrakt wirkt, was einem experimentellen Theater von heute entspricht.

Peter Bäuml: Uns war auch wichtig, ein Gebäude zu bauen, das großzügige Räume schafft, die ineinanderfließen und die Menschen vom Connector übers Foyer nach oben zu den Sälen bringt. Das muss alles in einem Fluss, in einem Flow funktionieren.

Visualisierung des neuen Kleinen Hauses. © Architekturbüro HENN

Was wird das Publikum in ein paar Jahren konkret spüren, wenn es ins Theater kommt?

Stefan Sinning: Hoffentlich ganz, ganz viele Emotionen. Wenn jemand auf die Bühne geht, dann ist das Wichtigste nicht, gegenüber einem Kollegen besser oder schlechter zu performen, sondern Emotionen zu vermitteln, das Publikum zu begeistern. Genau das soll das Staatstheater Augsburg am Ende wieder werden: ein Ort, der Emotionen weckt, der für Emotionen da ist, der die gesamte Stadtbevölkerung einlädt, hier tolle Erlebnisse zu haben. Dafür ist die Architektur die Bühne. Und zwar nicht nur die tatsächlichen Bretter, die die Welt bedeuten, auch der gesamte Betriebsablauf dahinter und die Foyer-Zonen davor – also der Gesamtorganismus. Die Architektur soll diese Emotionalität unterstützen und das wollten wir mit unserem Gebäudeensemble erreichen. Und es in eine Zukunft zu führen, die mehr bietet als das Theater der Vergangenheit.

 

Wann sehen wir was von den Planungen – wann beginnt der Bau der Neubauten?

Peter Bäuml: Streng genommen hat er schon begonnen. Es haben Aushubarbeiten stattgefunden, eine Bohrpfahlwand wurde um die Neubauten gezogen, der Keller West ist schon gebaut worden. Archäologen arbeiten sich synchron zu den Aushubarbeiten Schicht für Schicht durch den Boden. Der Rohbau beginnt im September, spätestens im Oktober. Dann fließt Beton, dann wächst das Gebäude in die Höhe.

Was sind die größten Herausforderungen auf der Staatstheaterbaustelle?

Stefan Sinning: Es gibt auf dieser Baustelle Herausforderungen verschiedenster Art. So einen großen Gebäudekomplex zu planen und zu realisieren ist für sich genommen schon eine große Herausforderung. Ein denkmalgeschütztes Theater mit vielen Schichten des Denkmalschutzes in die Zukunft zu überführen, ist ebenfalls sehr herausfordernd. Dazu kommt die Ergänzung mit einem experimentellen Theater in einer sehr engen Situation.

Dass wir in ein bereits zehn Jahre laufendes Verfahren eingestiegen sind, wo teilweise ein Keller vorhanden ist, teilweise archäologische Grabungen laufen und sich das Große Haus in einem Rohbauzustand befindet, macht es nicht leichter. Der Architektenwechsel war sicher für alle schwierig, auch für die Stadt Augsburg. Da kommt so ein Projekt zeitweise ins Stottern. Den Prozess dann wieder zum Laufen zu bringen und Zeit aufzuholen ist eine große Herausforderung. Ausführende Firmen hatten bereits Verträge mit Terminplänen. Die verschieben sich. Da muss man dann nachverhandeln, es gibt offene Positionen und Nachtragspositionen. Es sind viele zusätzliche Gespräche zu führen, die notwendig sind, damit es weitergeht. Zudem wurde nicht nur das Architekturbürogewechselt, sondern auch Ingenieure der technischen Gebäudeausrüstung. Auch da arbeiten sich neue Partner ein, es gibt Veränderungen, die integriert werden müssen.

Dies alles mit in die ohnehin schon komplexe planerische Aufgabe zu übernehmen, ist eine auf jeden Fall eine Herausforderung. Da ist das Thema „innerstädtische Baustelle“ noch relativ einfach dagegen.

Peter Bäuml: Aber momentan läuft‘s.

Wo sehen Sie das größte Potential?

Stefan Sinning: Das größte Potential überhaupt ist, dass eine Stadt die Mittel freimacht, so ein Kulturensemble zu schaffen. Wir sagen immer: die freie Kunst und Kultur, aber auch der freie Journalismus, sind Säulen und Fundamente unserer Demokratie. Ohne sie wäre eine Demokratie gar nicht möglich. Kultur hat auch einen Bildungsauftrag. Die Stadt ermöglicht das hier und führt die Institution in die Zukunft. Vorher war hier ein klassisches Theater – jetzt wird es um ein experimentelles Haus erweitert und wird für die Bürgerinnen und Bürger der Stadt geöffnet, übers ganze Jahr und möglichst auch von morgens bis abends. Es soll alle Bevölkerungsschichten einladen. Hoffentlich wird es ein lebendiger Ort mitten im Zentrum der Stadt Augsburg. Wir freuen uns darauf und hoffen die Bürgerinnen und Bürger freuen sich genauso.

Was macht die Baustelle für Augsburg so besonders?

Stefan Sinning: Aus unserem Blickwinkel ist das Staatstheater einer der Eckpfeiler in der Innenstadt von Augsburg. Wenn man die Stadt Augsburg von der Altstadt aus versteht – schon seit dem Mittelalter ein lebendiger Kulturraum –, dann steht im Zentrum das Rathaus. Es wird flankiert vom Dom und von St. Ulrich. Mit dem Staatstheater bilden sie ein Dreieck als wesentliche öffentliche Bausteine, die mitten in einer Stadt stehen und diese gesamte Lokalität umschreiben.

Das Schöne ist: sie decken auch unterschiedliche zeitliche Schichten ab. Der über 1000 Jahre alte Dom, St. Ulrich und das Rathaus aus dem Mittelalter und in den 1870ern das Theater, welches wiederum eine Schicht aus dem Dritten Reich und eine aus den 1950er Jahren erfahren hat. Und nun haben wir eine Baustelle, auf der wir uns nach unten graben und auf alle Schichten dieser Kulturstadt Augsburg stoßen, sogar zurück bis in die Römerzeit. Es ist toll, dass die Baustelle das alles freilegt.

Peter Bäuml: Wenn man heute durch das Große Haus geht, sieht man hier die verschiedenen Schichten aus dem 19. Jahrhundert, aus den 1930er Jahren, den 1950ern sogar den 1990ern, der jetzt eine weitere hinzugefügt wird. Es ist großartig, wie hier Kultur über Jahrhunderte erlebbar wird. Das ist etwas ganz anderes als einen Neubau auf der grünen Wiese zu schaffen.

 

Peter Bäuml und Stefan Sinning, wir danken Ihnen für diese Einblicke.